Was sind Enkaustikfliesen?

Was sind Enkaustikfliesen?

Wer eine alte Kirche betritt, stellt mitunter erstaunt fest, wie gut die Muster und Farben der Fliesen trotz ihres Alters noch zu erkennen sind. Der Grund dafür ist, dass die Farben und Dekore bei diesen Fliesen nicht durch eine Glasur auf der Oberfläche aufgetragen, sondern direkt in die Fliesen eingegossen und eingebrannt sind. Die dazugehörige Technik nennt sich Enkaustiktechnik, abgeleitet vom griechischen enkauston für einbrennen.

Was sind Enkaustikfliesen

Sie bewirkt, dass die Fliesen, die entsprechend Enkaustikfliesen heißen, über viele Jahrzehnte starken Beanspruchungen standhalten.

Die Langlebigkeit macht Enkaustikfliesen heute wieder beliebt. Und das, obwohl sie wegen der höheren Herstellungskosten deutlich teurer sind als herkömmliche Fliesen.

Wir erzählen die Geschichte der Enkaustikfliesen!:

Die Ursprünge liegen im Mittelalter

Enkaustikfliesen wurden schon im 13. Jahrhundert angefertigt und verlegt. Damals kamen sie hauptsächlich in britischen Kirchen zum Einsatz, teilweise aber auch in anderen westeuropäischen Ländern.

Für die Fliesen wurde eine Musterform mit festem Ton befüllt. Anschließend wurde der Ton gepresst, wodurch das Muster als Abdruck entstand. Im nächsten Schritt wurden die Vertiefungen im Muster mit farbigem Tonschlicker aufgefüllt. Auf diese Weise erhielten die Fliesen ihr farbiges Muster.

Nachdem überschüssiger Ton entfernt und die Fliesen getrocknet waren, wurden sie gebrannt. Zum Schluss folgte ein zweiter Glasurbrand. Diese Herstellungsmethode wird auch heute noch weitgehend so angewendet.

Die Musterformen für die Fliesen wurden im Mittelalter aus Holz geschnitzt. Später wurden sie dann aus Gips gegossen.

Im viktorianischen Zeitalter werden die Fliesen wiederentdeckt

Mit dem aufkommenden Wohlstand im viktorianischen Zeitalter entdeckten britische Architekten die Kirchenfliesen des Mittelalters wieder, so zum Beispiel in der Londoner Westminster Abbey. Gleichzeitig kam der Trend auf, bei Sanierungen echte Enkaustikfliesen zu verwenden.

Vorreiter in der Herstellung feiner Fliesen war der britische Fliesenhersteller Herbert Minton. Für seine detailverliebten, neugotischen Muster wurde er auf Weltausstellungen mit diversen Preisen ausgezeichnet. Das britische Unternehmen arbeitete mit Künstlern zusammen, um originalgetreue Enkaustikfliesen zu entwerfen.

Schon bald entwickelten sich Fliesen der Marke Minton Hollins zu einem Statussymbol und zugleich zum Inbegriff für guten Geschmack. Beliebt war zum Beispiel die Schwertlilie „Fleur de Lys“ als Motiv, die auch die französische Monarchie als Symbol verwendete.

Aufträge an der Londoner Temple Church und dem Westminster Palast verhalfen den Enkaustikfliesen von Minton Hollins zu einem guten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus.

1856 erhielt das britische Unternehmen dann den Auftrag, Enkaustikfliesen für die Fußböden des Washingtoner Capitols zu entwerfen. Später eröffneten auch in den USA Fabriken, die sich auf die Herstellung von Enkaustikfliesen spezialisierten.

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Enkaustikfliesen erobern Privathaushalte

Europäische Unternehmen erkannten die Vorteile der Enkaustikfliese und den aufkommenden Trend. Folglich wurden in Frankreich mehrere Werke eröffnet. Eine Ziegelei in Auneuil begann 1854 damit, Enkaustikfliesen mit einer patentierten Trockenpress-Technik herzustellen.

Dabei entstanden die Muster, indem der Ton in Gipsformen gepresst wurde. Bis sich die industriell hergestellte Enkaustikfliese erfolgreich durchsetzen konnte, sollte es aber noch etwas dauern.

Zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kam es erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71). Dieser Aufschwung brachte dann auch eine große Nachfrage nach Enkaustikfliesen mit sich, die nun auch in privaten Wohnungen immer beliebter wurden. Vor allem Enkaustikfliesen mit bunten und verspielten Mustern verkauften sich gut.

Enkaustikfliesen sind wieder im Trend

Die Farben und Muster von herkömmlichen Ornamentfliesen nutzen sich im Laufe der Zeit ab. Denn in aller Regel liegen sie nur durch die Glasur auf der Oberfläche auf. Im Unterschied dazu sind die Muster und Farben bei Enkaustikfliesen direkt in die Fliesen eingegossen und eingebrannt. Deshalb überstehen Enkaustikfliesen auch eine starke Beanspruchung bis zu 100 Jahre lang, ohne an Qualität einzubüßen.

Hinzu kommt, dass die wenigen Hersteller, die die besondere Gusstechnik anwenden, die Fliesen meist in Handarbeit anfertigen. Dadurch ist jede Enkaustikfliese letztlich ein Unikat. Und im Laufe der Zeit entsteht eine leichte Patina, die die Fliesen noch einzigartiger macht.

Enkaustikfliesen eignen sich sowohl für den Innen- als auch für den Außenbereich. Neben traditionellen, ornamentalen Dekoren sind heute auch Enkaustikfliesen mit modernen, schlichteren Mustern erhältlich. Allerdings sind echte Enkaustikfliesen sehr teuer.

Zudem werden mitunter Fliesen angeboten, die zwar als Enkaustikfliesen vermarktet werden, aber nicht in der aufwändigen Enkaustiktechnik produziert sind. Stattdessen handelt es sich teils um gewöhnliche Ornamentfliesen, die lediglich die typischen Muster aufgreifen, und teils um Zementfliesen.

Die bunten Zementfliesen mit ihren schönen Mustern sind hierzulande vor allem aus dem Mittelmeerraum bekannt. Allerdings bestehen Zementfliesen aus anderen Materialien. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass Zementfliesen nicht gebrannt werden.

Deshalb können weit mehr Farben zum Einsatz kommen, denn die Hitzebeständigkeit der Farbpigmente spielt keine Rolle. Allerdings müssen Zementfliesen imprägniert werden, damit sie die notwendige Robustheit erlangen und vor Abnutzung geschützt sind. So eine zusätzliche Versieglung ist bei Enkaustikfliesen nicht notwendig.

Ob es tatsächlich um echte Enkaustikfliesen oder nur um herkömmliche Ornamentfliesen handelt, lässt sich aber sehr einfach feststellen. Denn anders als normale Fliesen sind Enkaustikfliesen komplett durchgefärbt.

Die Farben befinden sich nicht nur an der Oberfläche, sondern ziehen sich durch die gesamte Fliese. Spätestens, wenn die Fliesen verlegt und in diesem Zuge geschnitten werden, zeigt sich deshalb an der Schnittkante, ob mit echten Enkaustikfliesen gearbeitet wird.

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Maike Wetzold, geboren 1969, Lehrerin für das Unterrichtsfach Werken, sowie Tobias Naue, Baujahr 1974, (Keramikmeister), sowie Ferya Gülcan, Betreiberin und Redakteurin dieser Webseite, schreiben hier Wissenswertes zum Thema Töpfern, Ton und Keramik. Anleitungen, Übungen , Vorlagen und Fachwissen für Groß und Klein, sowie für Schule und Hobby.

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