Kintsugi – Infos und Anleitung, 2. Teil

Kintsugi – Infos und Anleitung, 2. Teil

Kintsugi ist eine sehr alte, traditionelle Technik aus Japan, mit der beschädigtes oder zerbrochenes Geschirr repariert werden kann. Allerdings geht es nicht nur darum, Tassen, Vasen oder Schalen wieder zusammenzusetzen. Kintsugi möchte vielmehr die Geschichten und Erinnerungen, die an den Gegenständen hängen, bewahren und eine neue, eigene Ästhetik schaffen.

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Kintsugi - Infos und Anleitung, 2. Teil

So kann aus einem schnöden Essteller, der im Alltag gute Dienste geleistet hat, ein einmaliges Kunstwerk mit persönlichem Wert werden.

In einem zweiteiligen Beitrag stellen wir Kintsugi genauer vor. Dabei haben wir im 1. Teil grundlegende Infos zur Philosophie hinter der Technik vermittelt. Außerdem haben wir die Lacke und die benötigten Materialien erklärt.

Und für alle, die sich selbst als Kunsthandwerker ausprobieren möchten, folgt nun die Anleitung für Kintsugi:

Die benötigten Materialien noch einmal auf einen Blick

  • zerbrochene oder beschädigte Geschirrteile aus Porzellan oder Keramik

  • Keramikkleber

  • Zweikomponenten-Reparaturkitt auf Basis von Epoxidharz

  • wasserfestes Schleifpapier in einer gröberen und einer sehr feinen Körnung

  • Shin-urushi Lack

  • Farbpulver oder Farbpigmente

  • Reinigungsmittel für shin-urushi

  • Verdünner für shin-urushi

  • Pipette

  • feiner Pinsel

  • Alufolie

  • Papiertücher

Die Anleitung für Kintsugi

Eigentlich wurde die Reparaturtechnik speziell für japanisches Geschirr entwickelt. Aber natürlich eignet sie sich auch für anderes Geschirr. Der Umgang mit den Lacken sollte vorsichtig und umsichtig erfolgen.

Doch davon abgesehen, sollte im Vordergrund stehen, die Arbeit zu genießen und sich neue Linien und Strukturen frei entfalten zu lassen. Denn auch das gehört zu Kintsugi dazu.

  1. Schritt: das Geschirrteil wieder zusammensetzen

Zunächst sollten das beschädigte Geschirrstück und die vorhandenen Scherben gründlich gereinigt werden. Neben den abgebrochenen Teilen sollten auch die Risse angeschaut werden, die sich nur oberflächlich durch das Porzellan oder die Keramik ziehen. Im Kintsugi heißen diese Risse nyu.

Bevor die Scherben festgeklebt werden, ist es sinnvoll, sich zu überlegen, in welcher Reihenfolge die Einzelteile am besten befestigt werden können. Mitunter kann es auch hilfreich sein, die Einzelteile zunächst wie ein Puzzle auf der Arbeitsfläche zusammenzusetzen.

Anschließend wird eine gleichmäßige Schicht Keramikkleber aufgetragen und die Einzelteile werden nacheinander wieder mit dem Geschirrstück zusammengefügt.

Wichtig dabei ist, dass möglichst keine großen Lücken entstehen. Außerdem sollte die Oberfläche möglichst glatt und eben sein. Sind alle Teile befestigt, wird das Geschirrteil beiseite gestellt, bis der Kleber trocken ist.

  1. Schritt: die Lücken auffüllen

Ist der Keramikkleber getrocknet, werden die entstandenen Lücken und Spalten mit dem Reparaturkitt aufgefüllt. Dafür müssen die beiden Komponenten solange miteinander verknetet werden, bis eine homogene und einheitlich eingefärbte Masse entstanden ist.

Wenn die Komponenten nicht gründlich miteinander vermischt sind, kann der Kitt später stellenweise abfallen. Deshalb im Zweifel lieber etwas zu lange kneten, als zu kurz.

Je nach Hersteller ist der Kitt schon nach etwa fünf Minuten hart. Doch trotz der recht kurzen Verarbeitungszeit sollte sorgfältig gearbeitet werden. Daher ist ratsam, nur eine kleine Menge anzumischen und dann einen neuen Kitt zunehmen, falls die Menge nicht reicht oder der Kitt zwischendurch aushärtet.

Der Kitt wird mit dem Finger in alle Lücken und Risse eingearbeitet. Dabei wird mit der größten Vertiefung begonnen und von dort aus zu den Rändern hin gearbeitet.

Das wird solange fortgesetzt, bis die Oberfläche des Geschirrteils keine Unebenheiten mehr aufweist. Je ebener die Oberfläche ist, desto weniger muss geschliffen werden und desto schöner sieht das kleine Kunstwerk später aus.

  1. Schritt: das nyu ausbessern

Als nächstes sind die kleinen, feinen Risse in der Oberfläche an der Reihe. Da sie mit bloßem Auge manchmal schwer zu erkennen sind, ist es hilfreich, das Geschirrteil gegen das Licht zu halten. Dadurch werden die dünnen Risslinien sichtbar.

Um die Risse auszubessern, wird der shin-urushi Lack verwendet. Dazu wird mit dem Pinsel etwas Lack aufgenommen und anschließend auf die Risse aufgetragen, bis der Lack in die feinen Risse eingezogen ist und sie aufgefüllt hat. Dann muss das Geschirrteil etwa 15 Minuten lang trocknen.

Wenn der Lack trocken ist, wird etwas shin-urushi Reinigungsmittel auf ein Papiertuch gegeben und der überschüssige Lack auf der Oberfläche abgewischt.

  1. Schritt: die mit Kitt reparierten Stellen abschleifen

Bevor das Schleifpapier zum Einsatz kommt, sollte sichergestellt sein, dass der Reparaturkitt auch wirklich ausgehärtet ist. Dazu kann ein Fingernagel leicht in eine gekittete Stelle gedrückt werden. Bleibt dabei keine Spur zurück, ist der Kitt trocken.

Eine andere Möglichkeit ist, mit den Fingerknöcheln vorsichtig gegen das Geschirrteil zu klopfen. Hören sich die gekitteten Stellen genauso an wie die intakten Stellen des Geschirrteils, ist der Kitt ausgehärtet.

Nun wird ein Stück Schleifpapier mit Wasser befeuchtet. Damit werden die ausgebesserten Stellen behutsam abgeschmirgelt. Beim ersten Durchgang wird ein Schleifpapier mit einer Körnung zwischen 400 und 1.000 verwendet.

Die Körnung richtet sich nach dem Material. Je weicher das Material ist, desto feiner muss die Körnung sein. Glasiertes Porzellan beispielsweise ist recht hart und verträgt daher eine 400er Körnung. Im Unterschied dazu sollte es beim weicheren Steingut eine feinere Körnung sein.

Während des Abschleifens sollte mit dem Finger immer wieder überprüft werden, ob die Oberfläche schon glatt ist. Ist das der Fall, folgt der Feinschliff.

Dazu wird ein Schleifpapier mit einer Körnung von 1.500 oder höher angefeuchtet. Dann werden die Stellen mit diesem Schleifpapier noch einmal nachbehandelt.

  1. Schritt: die Landschaft gestalten

Nun wird der Lack für die neuen Linien und Strukturen auf dem Geschirrteil angemischt. Dafür wird zuerst etwas shin-urushi Lack auf ein Stück Alufolie gegeben. In den Lack wird dann Farbpulver eingerührt.

Das Verhältnis zwischen diesen beiden Komponenten sollte 1:1 betragen. Sind der Lack und die Pigmente gut miteinander vermischt, wird unter Rühren mit einer Pipette Verdünner in die Mischung getropft. Auch die Menge des Verdünners beträgt ein Teil.

Der Lack hat die richtige Konsistenz, wenn mit dem Pinsel ein kleiner Strich in den Lack gezogen wird und dieser Strich sofort wieder verschwunden ist.

Der Lack wird nun mit dem Pinsel auf die reparierten Stellen aufgetragen. Dabei folgen die Linien den Rissen und Spalten. So entstehen Verästelungen und neue Landschaften, die im Kintsugi keshiki heißen.

Die Farbschichten dürfen ruhig recht dick sein und verschiedene Stärken haben. Auf diese Weise ergeben sich interessante Variationen der Struktur.

Um eine Verdickung zu erzeugen, wird der Pinsel für einen längeren Moment an einer Stelle gehalten. Wer möchte, kann auch Weinkorken mit dem Messer spitz zuschnitzen und damit kleine Punkte und andere Muster auf das Geschirrteil oder in die gemalten Linien stempeln.

Ist die Gestaltung abgeschlossen, kann überschüssiger Lack mit einem Papiertuch, das in Verdünner getränkt wurde, abgenommen werden. Dann muss das Geschirrteil etwa zwei Tage lang trocknen. Zum Schluss wird es noch behutsam gespült – und fertig ist das Kintsugi Kunstwerk!

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Maike Wetzold, geboren 1969, Lehrerin für das Unterrichtsfach Werken, sowie Tobias Naue, Baujahr 1974, (Keramikmeister), sowie Ferya Gülcan, Betreiberin und Redakteurin dieser Webseite, schreiben hier Wissenswertes zum Thema Töpfern, Ton und Keramik. Anleitungen, Übungen , Vorlagen und Fachwissen für Groß und Klein, sowie für Schule und Hobby.

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